Katja KULLMANN findet unglaublich viele unterschiedliche Begriffe für die alleinstehende Frau, die Single-Frau, die Solistin, die „Frau ohne Begleitung“. Sie entwickelt auf ihren Seiten einen eigenen Begriff – die Singuläre Frau – der zwar noch auf das Single-Sein anspielt, aber die positive Seite betont: Die Singuläre Frau sucht nicht, sie führt ein erfülltes, ehrliches Leben.
Heute sind 40 % der Bevölkerung in New York alleinstehende Frauen, in Berlin sieht es (oder sah es 2010 zumindest noch) ähnlich aus (S. 137f). Die Frau ohne Begleitung ist unberechenbar, undurchsichtig und wird gefürchtet wie bewundert. Sie ist vielleicht unfreiwillig alleine, vielleicht bewusst, vielleicht irgendwo dazwischen. Die Singuläre Frau bekommt viel ab – von innen und außen. Von innen die Selbstzweifel (Ist das alles, was du zustande gebracht hast? Bist du deshalb allein?), von außen die bohrenden Fragen: Wo ist dein Mann? Warum bist du allein? Wolltest du keine Kinder? Vielleicht ist da ein Sehnen nach den vielen „möglichen Selbsten“, die man sein hätte können, wie man leben hätte können. Unerfüllte Leben, ungelebte Leben, die „wie Untermieterinnen in mir wohnen“.
„Das Singlesein wird oft als Übergangsphase zwischen romantischen Beziehungen betrachtet. Es wird als eine Lebens-Periode gesehen, nicht als eine Lebens-Form.“
—Katja Kullmann, S. 130.
Aber genau diesen schlechten Ruf möchte Katja Kullmann ändern. Man bekommt nicht nur den Eindruck, sie habe es sich in ihrem eigenen Leben recht gut, also ehrlich, reif und offen für Neues eingerichtet, sondern auch, sie hätte sich durch die komplette Literatur zum Thema gelesen und präsentiert daraus das Gros und die Gustos aller Erkenntnisse. Sie verwebt ihre eigene persönliche Geschichte mit vielen Beispielen aus der Literatur, um der Geschichte und dem Wesen der Frau ohne Begleitung näher zu kommen. Das gelingt ihr nicht nur ausgesprochen sympathisch, sondern auch glaubwürdig, weil sie auch keinen Zweifel unerwähnt lässt und der Ehrlichkeit Raum gibt. Sie verklärt das Alleinsein nicht, aber lässt sich auch ein Verteufeln nicht bieten. Ihre Erzählungen sind glaubwürdig (und oft ein Schlag in die Magengrube), ihre Erkenntnisse nachvollziehbar, die Erlebnisse nachfühlbar. Ihre zur Schau gestellte Emotionalität ist keine wehleidige, sondern stets positiv, humorvoll und offen.
Nicht zuletzt beschreibt Kullmann die Notwendigkeit neuer, kurzer, freundlicher Begegnungen zwischen Menschen, die Alleinstehende und Einsame durch die Tage tragen helfen: „Zufallszwischenmenschlichkeit“ benennt diese schöne Art des alltäglichen Kontakts.
Katja Kullmann ist Autorin, Erzählerin und Journalistin und lebt in Berlin. Die Singuläre Frau ist ihr fünftes Buch. @katja.kullmann auf Instagram.

Katja KULLMANN (2022): Die Singuläre Frau. Hanser Berlin, 3. Aufl. 336 Seiten.
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